Im Oktober 2025 jährt sich die Wiedergründung des Deutschen Alpenvereins (DAV) zum 75. Mal. Der weltgrößte Bergsportverband blickt zu diesem Anlass auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Eine Nachkriegs-Vergangenheit mit durchaus dunklen Seiten, die der DAV transparent macht und für die er die Verantwortung übernimmt. Gleichzeitig hat diese Historie den DAV geprägt und zu dem gemacht, was er heute ist: ein großer, bunter, aktiver und starker gesellschaftlicher Akteur.
Der Alpenverein war in Deutschland nach 1945 verboten
Nach Kriegsende 1945 verboten die Alliierten den Alpenverein in Deutschland. Der Alpenverein war nicht nur in nationalsozialistische Strukturen eingebunden, sondern hatte diese Strukturen und antisemitische Verfolgung aktiv unterstützt. Bereits in den 1920er Jahren hatten zahlreiche Sektionen des damals Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins (DuOeAV) einen Arierparagrafen eingeführt und Juden aktiv vom Vereinsleben ausgeschlossen. 1924 stimmten dann 95 Prozent der Delegierten auf der Hauptversammlung für den antisemitischen Ausschluss der für jüdisch erachteten Sektion Donauland aus dem DuOeAV.
Nach der Machtübernahme 1933 wurden die reichsdeutschen Sektionen in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) eingegliedert. Viele Sektionen begrüßten den Machtwechsel und führten im Zuge dessen Arierparagrafen ein, noch bevor dies gesetzlich vorgeschrieben war. Mit dem „Anschluss“ Österreichs wurde der Alpenverein als Deutscher Alpenverein (DAV) Teil des NS-Staatsaufbaus. Andere alpine Vereine mussten sich anschließen oder wurden aufgelöst und enteignet. An der Spitze stand Arthur Seyß-Inquart. Er war maßgeblich für den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und für die Verfolgung und Ermordung der als jüdisch erachteten Bevölkerung in den Niederlanden verantwortlich. Seyß-Inquart wurde 1946 vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg als einer der Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt.
Wiedergründung 1950 geprägt von Verdrängung
Am 22. Oktober 1950 wurde auf dem Alpenvereinstag in Würzburg ein gemeinsamer Dachverband geschaffen. Juristisch war das keine komplette Neugründung, sondern der Beitritt von in der Zwischenzeit wiedergegründeten Sektionen zum 1948 von bayerischen Sektionen gegründeten Alpenverein e.V.
Der DAV brach bei dieser Wiedergründung nicht mit der Vergangenheit, sondern berief sich bewusst auf Traditionen und reaktivierte alte Netzwerke. Im Vordergrund standen praktische Aufgaben wie die Anpassung der Hütten- und Hüttenbauordnung gemeinsam mit dem Österreichischen Alpenverein (OeAV) oder die Verlegung von Sektionssitzen aus dem sowjetischen Einflussbereich nach Westdeutschland, um Kontinuität und Rechtsansprüche zu sichern.
Der kritische Umgang mit der eigenen Vergangenheit blieb – wie im gesamten Nachkriegsdeutschland – aus. Verdrängung, fehlendes Schuldbewusstsein und der Wunsch nach Normalität überwogen auch beim DAV.
Keine Wiedergutmachung - Wie sich das konkret zeigte, dokumentieren drei Beispiele:
Die Reaktion auf eine Anfrage an den Verwaltungsausschuss des DAV vom November 1952, wie die „Diffamierung der nicht-arischen Mitglieder wieder gut zu machen“ sei, weist kein Unrechtsbewusstsein, Empathie oder Sensibilität auf. Den Sektionen wurde lediglich empfohlen, den „aus den Sektionen entfernten Mitgliedern mitzuteilen, daß die Mitgliedschaft nicht als erloschen gilt, sofern sie jetzt ausdrücklich wieder aufgenommen wird; von einer Beitragsnachzahlung von 1933/34 bis 1952 wird dann Abstand genommen“.
1953 diskutierte eine Sektion einen Antrag, sowohl die zwischen 1933 und 1945 ausgeschlossenen Juden und anderen Betroffenen als auch nach 1945 ausgeschiedene Nationalsozialisten aktiv zum Wiedereintritt einzuladen – ein Antrag, der abgelehnt wurde; beide Gruppen erhielten dennoch die Information, dass einem Wiedereintritt nichts im Wege stehe.
1957 teilte eine Sektion einem nach Palästina geflohenen Mitglied bzgl. seines Jubiläums der Vereinszugehörigkeit mit, dass seine Mitgliedschaft nur als „unterbrochen“, nicht aber als „ununterbrochen“ betrachtet werden könne und nutzte in ihrer Antwort dabei die antisemitische Unterscheidung der NS-Zeit fort: „Wir haben hier bei einem anderen nichtarischen Mitglied die gleichen Verhältnisse gehabt“. Ihr eigenes Bestehen betrachtete die Sektion dabei nicht als unterbrochen, obwohl sie 1945 verboten worden war. Anknüpfen an alte Strukturen
Auch mehrere Personalentscheidungen zeigen, wie man alte Strukturen beibehielt:
Friedrich Weiss, ehemaliger Stellvertreter des „DAV-Führers“ zu Nazizeiten Arthur Seyss-Inquart, wird 1959 Erster Vorsitzender.
Paul Bauer (mit NS-Funktionen in den Jahren 1934–1945) gewinnt in den 1950er/60er Jahren maßgeblichen Einfluss im Ausschuss für Auslandsbergsteigen.
Franz Grassler, stellvertretender Kommandant des Warschauer Ghettos und Mitglied des Verwaltungsausschusses, wurde zudem damit beauftragt, das Friesenberghaus und die Glorerhütte zu inspizieren, die der Alpenverein Donauland dem DAV 1967 angeboten hatte. Dass dies ein Affront sein könnte, war den damaligen Funktionären offensichtlich nicht bewusst. In den 1980er-Jahren wurde Grassler sogar Referent für Öffentlichkeitsarbeit. Erst 1984 legte er sein Amt nieder, als seine NS-Vergangenheit durch Claude Lanzmann einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde.
Die Sektion Donauland erwarb 1924 die Glorer Hütte. Sie war ein Symbol für Offenheit und Gleichberechtigung („Wir fragen nur nach dem Menschen, der zu uns kommt“). Noch im selben Jahr wurde sie als jüdische Sektion aus dem Alpenverein ausgeschlossen. Während der NS-Zeit verboten, wurde sie nach 1945 wiedergegründet, erhielt 1952 die Hütte zurück und verkaufte sie später.
Neuorientierung beginnt im Kleinen
Zumindest inhaltlich setzte in Ansätzen eine Neuorientierung ein: Bereits 1951 trat der DAV der Vereinigung UIAA bei, um seine internationale Vernetzung zu stärken. Später folgte eine Neuausrichtung der Jugendarbeit (ab den späten 1960er Jahren und vor allem auf Bestreben aus der Jugendorganisation heraus). Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit begann jedoch erst ab Mitte der 1990er Jahre – auch durch externen Druck. Die letzten Jahrzehnte zeigen jedoch, dass diese Auseinandersetzung mit der Geschichte durchaus fruchtbar war und aus der Vergangenheit gelernt und damit der Grundstein für das heutige Selbstverständnis als offener, vielfältiger und toleranter Verein gelegt wurde.
Der DAV wird zum großen, aktiven und bunten gesellschaftlichen Akteur
Zur Auseinandersetzung mit seiner NS-Vergangenheit startete der Deutsche Alpenverein ein wissenschaftliches Forschungsprojekt, die Ergebnisse wurden in einem Buch (BergHeil! Alpenverein und Bergsteigen 1918-1945) und in einer Ausstellung im Alpinen Museum präsentiert.
Als Reaktion auf die Zuwanderungsdebatten im Jahr 2015 folgte Anfang 2017 die Erklärung des DAV-Präsidiums für Offenheit, Vielfalt und Toleranz.
In Zeiten, in denen die Demokratie gefährdet ist, will sich der DAV ganz besonders aufgrund der eigenen Geschichte positionieren und dafürstehen, was daraus gelernt wurde. Daher stellte sich der DAV im Vorfeld zur Bundestagswahl 2025 mit einem Beschluss vom DAV-Präsidium klar gegen Rechtsextremismus.
"Gerade als Bergsportler*innen erleben wir, wie bereichernd das Kennenlernen und Erleben anderer Kulturen ist. Offenheit, Akzeptanz und Wertschätzung gegenüber allen Menschen sind dabei selbstverständliche und unentbehrliche Grundlage. Für diese zentralen demokratischen Werte treten wir entschieden ein und verteidigen sie", fasst Melanie Grimm, DAV-Vizepräsidentin, die Position des DAV zusammen. Diesem Credo folgend hat der Deutsche Alpenverein vor der Bundestagswahl 2025 acht konkrete Forderungen an die Politik gestellt.
Der DAV ist zudem Mitglied im Bayerischen Bündnis für Toleranz und im bundesweiten Bündnis Zusammen für Demokratie, das als Mission hat, „gemeinsam Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen und sich der Bedrohung dieser von Seiten der extremen Rechten entgegenzustellen.“
Ganz im Kern, im DAV-Leitbild, stehen diese Werte fest verankert: „Wir leben Vielfalt! Freiheit, Respekt und Verantwortung – diese zentralen Werte leiten uns. Wir leben und verteidigen Vielfalt, Akzeptanz und Offenheit. Alle Menschen, die diese Werte teilen, sind im DAV willkommen.“
Und auch die JDAV setzt sich stark dafür ein. Auf der Sitzung des Bundesjugendausschuss 2018 in Fulda wurde das Positionspapier „Die JDAV ist bunt!“ verabschiedet.
Mit dem Projekt Alpen. Leben. Menschen ist der Deutschen Alpenverein beispielsweise in den Bereichen Inklusion und Integration tätig und fördert aktiv die Vielfalt in der Gesellschaft und ermöglicht die Teilhabe am gesellschaftlichen und bergsportlichen Leben.
Auch in den mehr als 350 Sektionen ist das Engagement für eine bunte, offene und tolerante Gesellschaft groß und die Auseinandersetzung mit der Sektionsgeschichte ein Selbstverständnis. Als Beispiel ist das Projekt Spurensuche der Sektion Frankfurt zu nennen. Unter dem Motto „Sie gehören zu uns - verfolgte und ermordete Mitglieder des Alpenvereins in Frankfurt am Main“ recherchiert eine Projektgruppe seit 2019 und schafft damit ein lebendiges Erinnerungsprojekt.
Auf dem Friesenberghaus der Sektion Berlin entstand eine kleine Ausstellung und viel Wissenswertes und Bewegendes rund um die Geschichte der Hütte und der Sektion, vor allem im Zusammenhang mit dem antisemitischen Ausschluss der als jüdisch erachteten Sektion Donauland aus dem Alpenverein, zu erfahren.
Einstehen für respektvolles und vielfältiges Miteinander
Am 22. Oktober 2025 blicken wir zurück auf die wechselvolle Geschichte des Deutschen Alpenvereins. Dabei wird auch deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ein Prozess ist, der nie abgeschlossen sein wird. DAV-Vizepräsidentin Melanie Grimm nimmt den 75. Jahrestag der Wiedergründung zum Anlass, das heutige Selbstverständnis zu bekräftigen: „Nur indem wir uns der Vergangenheit stellen, die Verantwortung dafür übernehmen und auch die dunklen Seiten beleuchten, können wir wachsamen Auges in die Zukunft blicken und stark für unsere Werte einstehen: Wir fördern Bergsport in Verantwortung für Natur und Gesellschaft – und leben ein respektvolles, vielfältiges, inklusives und offenes Miteinander.“
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